Deutschsprachiges Nearshoring: Die Landkarte sieht anders aus als beim Englischen
Deutschkenntnisse sind in den Nearshore-Märkten sehr ungleich verteilt: Im Sekundarbereich I lernten in Polen 70,0 Prozent der Schülerinnen und Schüler Deutsch, in Tschechien 47,9, in Ungarn 29,9, in Rumänien 12,2 und in Bulgarien 6,0 (Eurostat, Bezugsjahr 2017). Beim Englischen kehrt sich die Rangfolge um: Rumänien führt den EF English Proficiency Index 2025 mit 605 Punkten an. Die Standortwahl lässt sich deshalb nicht vom englischsprachigen Nearshoring übernehmen. Schulunterricht ist aber keine Arbeitssprache — entschieden wird am einzelnen Profil, mit einer Niveaustufe nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen im Anforderungsprofil.
Das Wichtigste in Kürze
- Deutschkenntnisse sind in den Nearshore-Märkten extrem ungleich verteilt. Im Sekundarbereich I lernten in Polen 70,0 Prozent der Schülerinnen und Schüler Deutsch, in Tschechien 47,9, in Ungarn 29,9 — in Rumänien 12,2 und in Bulgarien 6,0 Prozent (Eurostat-Daten, Bezugsjahr 2017).
- Beim Englischen ist die Rangfolge eine andere: Rumänien führt die hier betrachteten Länder im EF English Proficiency Index 2025 mit 605 Punkten an, vor Polen mit 600.
- Daraus folgt: Wer deutschsprachige Profile braucht, kann die Standortwahl nicht vom englischsprachigen Nearshoring übernehmen.
- Schulunterricht ist keine Arbeitssprache. Die Zahlen zeigen, wo überhaupt eine Basis existiert. Sie sagen nichts über das Niveau einer einzelnen Fachkraft.
- Deshalb gehört eine Niveaustufe ins Anforderungsprofil: B2 nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für fachliche Zusammenarbeit, C1 für Rollen mit Kundenkontakt oder Dokumentationsverantwortung.
- Ein Dämpfer aus der Praxis: In einer Befragung von 33 CIOs deutscher Top-500-Unternehmen nannten nur 24 Prozent die kulturelle Übereinstimmung als Motiv für die Standortwahl. Sprache ist ein Qualitätsargument, kein Verkaufsargument.
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Warum die Frage überhaupt gestellt wird
Englisch funktioniert im EU-Nearshoring. Der EF English Proficiency Index 2025 stuft alle relevanten Zielländer als „Very High“ ein — Rumänien 605 Punkte (Rang 11 weltweit), Polen 600 (Rang 15), Bulgarien 594 (Rang 18), Ungarn 590 (Rang 22). Für ein Entwicklungsteam, das unter sich arbeitet, reicht das.
Es reicht nicht, sobald jemand mit dem Fachbereich sprechen muss. Wer eine Anforderung aus der Instandhaltung aufnimmt, eine Dokumentation nach deutschen Prüfungsstandards schreibt oder einen Anwender im Support am Telefon hat, braucht Deutsch. Und zwar nicht als Nettigkeit, sondern weil das Missverständnis sonst erst in der Abnahme auffällt.
Genau an dieser Stelle wird in Nearshoring-Material meist unpräzise geworden. „Deutschsprachige Ressourcen“ steht auf vielen Websites — unsere eingeschlossen. Was fehlt, sind Zahlen dazu, wo diese Menschen eigentlich herkommen.
Die Zahlen, die den Unterschied machen
Der beste verfügbare Anhaltspunkt für die Verfügbarkeit von Deutschkenntnissen in einem Land ist der Fremdsprachenunterricht. Eurostat erhebt, welcher Anteil der Schülerinnen und Schüler welche Fremdsprache lernt.
Anteil der Deutschlernenden, Sekundarbereich I und II (Eurostat, Bezugsjahr 2017):
| Land | Sekundarbereich I | Sekundarbereich II |
|---|---|---|
| Polen | 70,0 % | 56,7 % |
| Tschechien | 47,9 % | 38,0 % |
| Kroatien | 46,2 % | 35,0 % |
| Slowakei | 43,0 % | 41,9 % |
| Slowenien | 30,7 % | 37,8 % |
| Ungarn | 29,9 % | 42,3 % |
| Rumänien | 12,2 % | 10,7 % |
| Bulgarien | 6,0 % | 30,0 % |
Quelle: Eurostat-Datenbank, aufbereitet von der Bundeszentrale für politische Bildung. Bezugsjahr 2017.
Zur Aktualität, weil das Bezugsjahr acht Jahre zurückliegt: Das Statistische Bundesamt weist für 2024 im Sekundarbereich I für Tschechien 51 Prozent aus — gegenüber 47,9 Prozent im Jahr 2017. Der Wert ist also leicht gestiegen, nicht eingebrochen. Für die übrigen hier genannten Länder liegen uns keine 2024er Einzelwerte vor. Die Größenordnungen dürften tragen, die Nachkommastellen nicht. Wer eine Standortentscheidung darauf stützt, sollte die aktuellen Werte direkt aus der Eurostat-Datenbank ziehen.
Was in dieser Tabelle steht: Zwischen Polen und Bulgarien liegt im Sekundarbereich I ein Faktor von mehr als zehn. Das ist kein Nuancenunterschied, sondern eine andere Ausgangslage.
Und was daneben auffällt: Ungarn und Bulgarien haben im Sekundarbereich II deutlich höhere Anteile als im Bereich I — in Bulgarien ist der Sprung von 6,0 auf 30,0 Prozent der größte in der Tabelle (Quelle: Eurostat, Bezugsjahr 2017). Deutsch wird dort später begonnen. Rumänien fällt in beiden Stufen ab und ist damit das einzige Land in dieser Auswahl, in dem Deutsch schulisch kaum eine Rolle spielt.
Die Landkarte kippt gegenüber dem Englischen
Stellt man beide Datensätze nebeneinander, ergibt sich ein Bild, das der üblichen Nearshoring-Rangfolge widerspricht.
Rumänien ist der stärkste Englisch-Markt der Gruppe (605 Punkte, Rang 11 weltweit; Quelle: EF Education First, 2025) und zugleich der schwächste Deutsch-Markt (12,2 Prozent im Sekundarbereich I; Quelle: Eurostat, Bezugsjahr 2017). Polen liegt beim Englischen etwas dahinter (600 Punkte, Rang 15; Quelle: EF Education First, 2025), führt aber beim Deutschen mit weitem Abstand (70,0 Prozent; Quelle: Eurostat, Bezugsjahr 2017).
Für die Praxis heißt das: Ein Team, das auf Englisch arbeitet, und ein Team, das auf Deutsch mit Fachbereichen spricht, sind nicht sinnvoll am selben Standort zu suchen. Wer beides braucht, braucht entweder zwei Standorte oder eine sehr gezielte Auswahl an einem.
Zum EF-Index: Er beruht auf über 2,2 Millionen Teilnehmern des EF-SET-Onlinetests im Jahr 2024. EF weist selbst darauf hin, dass die Testpopulation selbstgewählt und nicht repräsentativ ist. Als Rangfolge zwischen Ländern brauchbar, als absolutes Kompetenzmaß nicht.
Was diese Zahlen ausdrücklich nicht sagen
Hier ist Vorsicht nötig, und wir sagen das lieber selbst, als es uns vorhalten zu lassen.
Schulunterricht ist keine Arbeitssprache. Wer in der achten Klasse Deutsch hatte, spricht deshalb mit 34 nicht B2. Die Zahlen beschreiben, wo überhaupt eine Basis existiert, aus der sich Sprachkenntnis entwickeln kann — nicht, wie viele Menschen sie tatsächlich haben.
Sie sagen nichts über IT-Fachkräfte im Besonderen. Es handelt sich um Gesamtzahlen für Schülerinnen und Schüler, nicht um eine Erhebung unter Entwicklern.
Es gibt keine belastbare Statistik zu Deutschkenntnissen unter IT-Fachkräften in diesen Ländern. Wir haben danach gesucht und nichts gefunden, was einer Prüfung standhält. Wer Ihnen einen Prozentsatz nennt, hat ihn geschätzt.
Was daraus folgt: Die Ländertabelle ist ein Hinweis darauf, wo die Suche leichter fällt. Die Entscheidung fällt am einzelnen Profil.
Sprachniveau ins Anforderungsprofil
Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen des Europarats beschreibt sechs Stufen von A1 bis C2 und ist über das Europass-Raster öffentlich nachvollziehbar. In der Praxis haben sich zwei Schwellen bewährt:
B2 für fachliche Zusammenarbeit. Anforderungen aufnehmen, in Meetings mitarbeiten, Tickets und Kommentare schreiben, bei Rückfragen nachhaken. Wer B2 hat, versteht auch, was zwischen den Zeilen gemeint war — und das ist der Teil, an dem A2 und B1 scheitern.
C1 für Kundenkontakt und Dokumentationsverantwortung. Wer direkt mit Fachbereichen oder Anwendern spricht, wer Dokumentation verfasst, die einer Prüfung standhalten muss, oder wer eskalierende Situationen moderiert, braucht die Stufe darüber.
Was eine Niveaustufe nicht abdeckt: Fachvokabular. Ein Entwickler mit C1 kennt deshalb noch nicht die Begriffe aus der Energiewirtschaft, der Abrechnung oder der Instandhaltung. Diese Einarbeitung ist ein eigener Posten und gehört in die Projektplanung, nicht in die Erwartung.
Und ein praktischer Hinweis: Selbsteinschätzungen im Lebenslauf sind der schwächste Beleg. Wir stellen das Sprachniveau im Auswahlgespräch fest — auf Deutsch, mit fachlichem Inhalt. Das dauert zwanzig Minuten und erspart die Feststellung im dritten Projektmonat.
Wo Sprache tatsächlich den Unterschied macht
Nicht jede Rolle braucht Deutsch. Die Frage, an welchen Stellen es sich lohnt, lässt sich an den Auswahlkriterien festmachen, die deutsche Entscheider selbst nennen. In der Befragung von 33 CIOs und IT-Führungskräften der 500 umsatzstärksten deutschen Unternehmen stand hinter der Skill-Verfügbarkeit (91 Prozent) und den Kosten (53 Prozent) der Interaktionsgrad mit dem Service Owner (50 Prozent) als Kriterium dafür, welche Aufgaben überhaupt verlagert werden.
Je höher der Interaktionsgrad, desto stärker wirkt die Sprache. Konkret:
- Hoher Bedarf: Anforderungsaufnahme mit Fachbereichen, Second- und Third-Level-Support gegenüber deutschsprachigen Anwendern, Dokumentation für Prüfungen und Audits, Rollen mit Eskalationsverantwortung.
- Mittlerer Bedarf: Entwicklung in gemischten Teams mit deutschsprachigem Product Owner, Testmanagement, technische Konzeption.
- Geringer Bedarf: abgegrenzte Entwicklungsgewerke mit englischer Spezifikation, Infrastrukturbetrieb nach dokumentierten Runbooks, spezialisierte Nischenarbeit mit definiertem Ergebnis.
Der ehrliche Weg ist, das je Rolle zu entscheiden statt pauschal für das ganze Team. Deutsch als Anforderung verteuert und verengt die Auswahl — das lohnt sich dort, wo es trägt, und nirgends sonst.
Ein Dämpfer, den wir nicht weglassen
Es wäre bequem, an dieser Stelle aufzuhören. In derselben CIO-Befragung nannten allerdings nur 24 Prozent die kulturelle Übereinstimmung als Motiv für ihre Standortwahl — gleichauf mit der Zeitzone und weit hinter der Ressourcenverfügbarkeit (94 Prozent) und den Kosten (82 Prozent).
Sprache und Kultur stehen also nicht oben auf der Liste, wenn Unternehmen entscheiden, wohin sie gehen. Das relativiert das Argument dieses Artikels, und wir schreiben es hin, statt es zu übergehen.
Unsere Lesart: Sprache ist selten der Grund, aus dem eine Entscheidung fällt — und häufig der Grund, aus dem sie im Nachhinein als gut oder schlecht bewertet wird. Sie taucht in der Motivliste kaum auf, weil sie erst im Betrieb sichtbar wird. Wer sie vorher berücksichtigt, kauft sich einen Vorteil, den die Mehrheit erst später vermisst.
Das ist eine Interpretation, kein Befund. Belegt ist nur die Zahl.
Fazit
Deutschsprachiges Nearshoring ist kein Sprachkurs auf ein bestehendes Modell obendrauf. Es ist eine andere Standortlandkarte, ein anderes Anforderungsprofil und eine engere Auswahl.
Polen und Tschechien haben die breiteste Basis, Rumänien die schmalste — bei zugleich bestem Englisch. Wer beides braucht, muss das im Zuschnitt lösen und nicht in der Hoffnung.
Was Nearshoring grundsätzlich ist und warum sich sein Zweck verschoben hat, steht unter Was ist Nearshoring.
Ihr nächster Schritt
Wir prüfen das Sprachniveau je Profil im Auswahlgespräch, auf Deutsch und mit fachlichem Inhalt. Aus rund 3.000 vorab validierten Senior-Profilen stellen wir zusammen, was zu Ihrem Bedarf passt — mit Senior-Steuerung in Deutschland und der GLJ Tech GmbH mit Sitz in Münster als Vertragspartner.
Sagen Sie uns, welche Rollen Deutsch brauchen und welche nicht. Den Rest klären wir. Einen Überblick über das Leistungsspektrum finden Sie unter IT-Experten.
Häufige Fragen
In welchen Ländern findet man am ehesten deutschsprachige IT-Fachkräfte?
Nach den Eurostat-Zahlen zum Fremdsprachenunterricht (Bezugsjahr 2017) hat Polen die breiteste Basis — 70,0 Prozent der Schülerinnen und Schüler im Sekundarbereich I lernten Deutsch, gefolgt von Tschechien mit 47,9 und Kroatien mit 46,2 Prozent. In Rumänien waren es 12,2, in Bulgarien 6,0 Prozent. Diese Zahlen zeigen, wo die Suche leichter fällt; sie sagen nichts über eine einzelne Fachkraft.
Reicht Englisch nicht aus?
Für Entwicklungsarbeit im Team häufig ja. Für Anforderungsaufnahme mit Fachbereichen, Support gegenüber deutschsprachigen Anwendern und Dokumentation nach deutschen Prüfungsstandards in der Regel nicht.
Welches Sprachniveau sollte ich verlangen?
B2 nach dem Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für fachliche Zusammenarbeit, C1 für Rollen mit Kundenkontakt oder Dokumentationsverantwortung. Fachvokabular ist davon nicht abgedeckt und braucht eigene Einarbeitung.
Wie prüfe ich das Sprachniveau?
Nicht über die Selbsteinschätzung im Lebenslauf. Ein Auswahlgespräch auf Deutsch mit fachlichem Inhalt dauert zwanzig Minuten und ist der belastbarste verfügbare Test.
Braucht das ganze Team Deutsch?
Selten. Sinnvoll ist die Entscheidung je Rolle: hoher Bedarf bei Anforderungsaufnahme, Support und Dokumentation, geringer Bedarf bei abgegrenzten Entwicklungsgewerken mit englischer Spezifikation. Deutsch als pauschale Anforderung verengt die Auswahl und verteuert sie.
Wie wichtig ist Sprache im Vergleich zu anderen Kriterien?
In einer Befragung von 33 CIOs deutscher Top-500-Unternehmen nannten nur 24 Prozent die kulturelle Übereinstimmung als Motiv für die Standortwahl — deutlich hinter Ressourcenverfügbarkeit (94 Prozent) und Kosten (82 Prozent). Sprache steht selten am Anfang einer Entscheidung. Sie wird meist erst im Betrieb sichtbar.
Gibt es Statistiken zu Deutschkenntnissen unter IT-Fachkräften?
Uns ist keine bekannt, die einer Prüfung standhält. Die Zahlen zum Fremdsprachenunterricht sind der beste verfügbare Anhaltspunkt und bleiben ein Näherungswert.
Thematische Vertiefungen
Quellen
- Eurostat / Bundeszentrale für politische Bildung: Deutsch als Fremdsprache in Europa. Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Fremdsprache im Sekundarbereich I und II, Bezugsjahr 2017, auf Basis der Eurostat-Datenbank.
- Statistisches Bundesamt (2026): Deutsch als Fremdsprache — bei Schülern in der EU nach Englisch und Französisch am beliebtesten. Bezugsjahr 2024, Sekundarbereich I; Tschechien 51 Prozent.
- EF Education First (2025): EF English Proficiency Index 2025. Über 2,2 Mio. Teilnehmer des EF-SET-Onlinetests 2024; Testpopulation selbstgewählt und laut Herausgeber nicht repräsentativ.
- Reicheneder, Westner & Matschi (2025): IT-Near- und Offshoring in deutschen Großunternehmen. HMD Praxis der Wirtschaftsinformatik. Semistrukturierte Interviews mit 33 CIOs aus 319 kontaktierten Unternehmen (Teilnahmequote 10,3 %), Erhebung März bis Juni 2024, Grundgesamtheit die 500 umsatzstärksten deutschen Unternehmen.
- Europarat / Europass: Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen — Raster zur Selbstbeurteilung. Sechs Niveaustufen A1 bis C2.