Cloud-Migration: Die 6 R's beantworten das Wie — die teure Frage ist das Wohin

Die Frage, ob in die Cloud migriert wird, ist beantwortet: 86 Prozent der deutschen Unternehmen nutzen bereits Cloud-Dienste (Bitkom Cloud Report 2026). Offen ist die Frage nach dem Anbieter — 71 Prozent nutzen US-Anbieter, aber nur 8 Prozent würden sie bevorzugen; 85 Prozent halten die Abhängigkeit für zu groß. Die 6 R's von Amazon Web Services (Rehost, Replatform, Repurchase, Refactor, Retire, Retain) ordnen, wie eine Anwendung migriert wird — zur Anbieterwahl sagen sie nichts. Genau dort entsteht der Lock-in, den 59 Prozent als größtes Wechselhindernis nennen.

Das Wichtigste in Kürze

  • 86 Prozent der deutschen Unternehmen nutzen Cloud-Dienste, weitere 14 Prozent planen oder diskutieren es (Bitkom Cloud Report 2026). Die Frage nach dem Ob ist beantwortet.
  • Die offene Frage ist die nach dem Anbieter — und da klafft eine Lücke: 71 Prozent nutzen US-Anbieter, aber nur 8 Prozent würden sie bevorzugen. Deutsche Anbieter nutzen 53 Prozent, bevorzugen würden sie 91 Prozent.
  • 85 Prozent halten Deutschland für zu abhängig von US-Cloud-Anbietern — nach 78 Prozent im Vorjahr. 64 Prozent sehen sich durch die US-Politik gezwungen, ihre Cloud-Strategie zu überdenken, nach 50 Prozent im Vorjahr.
  • Der Grund, warum die Lücke bleibt: 43 Prozent sagen, es gebe keine gleichwertigen europäischen Alternativen. Und 59 Prozent nennen Lock-in-Effekte als größtes Hindernis beim Anbieterwechsel.
  • Die 6 R's sind ein Framework von Amazon Web Services. Sie ordnen, wie eine Anwendung migriert wird. Zur Anbieterwahl sagen sie nichts — das ist keine Kritik am Framework, sondern seine Grenze.
  • Ehrlich dazu: 91 Prozent wollen deutsche Anbieter, aber nur 12 Prozent würden dafür 10 bis 20 Prozent höhere Kosten akzeptieren. Souveränität ist eine breit geteilte Absicht und ein schmal finanziertes Budget.

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Warum die Migrationsfrage sich verschoben hat

Cloud-Migration ist die Überführung von Anwendungen, Daten und Infrastruktur aus dem eigenen Rechenzentrum in Cloud-Umgebungen. Über das Ob wird kaum noch diskutiert: Nach dem Bitkom Cloud Report 2026 nutzen 86 Prozent der deutschen Unternehmen bereits Cloud-Dienste, die verbleibenden 14 Prozent planen oder diskutieren die Nutzung. Niemand steht mehr am Anfang.

Verschoben hat sich, worüber gestritten wird. Die Ziele, die Unternehmen mit der Cloud verfolgen, haben sich in zwei Jahren spürbar verändert: 75 Prozent nennen inzwischen erhöhte IT-Sicherheit als Ziel — ein Zuwachs von 18 Punkten gegenüber 2024. Der Zugang zu innovativen Technologien wie KI stieg um denselben Wert auf 56 Prozent. Kostenreduzierung liegt bei 67 Prozent und damit nicht mehr vorn (Quelle: Bitkom Cloud Report 2026).

Erhebungsdesign, weil alle folgenden Zahlen daraus stammen: repräsentative telefonische Befragung von 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten in Deutschland, Erhebungszeitraum KW 14 bis 20 des Jahres 2026, veröffentlicht am 17. Juni 2026.

Die Lücke zwischen Nutzung und Präferenz

Das ist die Zahl, an der sich alles Weitere entscheidet:

wird genutzt würde bevorzugt
US-Anbieter 71 % 8 %
Deutsche Anbieter 53 % 91 %
EU-Anbieter 45 % 68 %

Quelle: Bitkom Cloud Report 2026, Mehrfachnennungen möglich.

Zwischen 71 und 8 Prozent liegt keine Präferenz mehr, sondern eine Realität, die niemand so gewollt hat. 85 Prozent halten Deutschland für zu abhängig von US-Cloud-Anbietern — im Vorjahr waren es 78 Prozent (Quelle: Bitkom Cloud Report 2026). 64 Prozent der Cloud-Nutzer geben an, sich durch die US-Politik gezwungen zu sehen, ihre Cloud-Strategie zu überdenken; im Vorjahr sagten das 50 Prozent.

Warum die Lücke trotzdem bleibt, sagen dieselben Unternehmen: 43 Prozent sehen keine gleichwertigen europäischen Alternativen. 59 Prozent nennen Lock-in-Effekte als größtes Hindernis beim Anbieterwechsel. Und 87 Prozent vermissen bei souveränen Angeboten Transparenz darüber, wer die Daten verarbeitet und wer Zugriff hat (Quelle: Bitkom Cloud Report 2026).

Das ist der eigentliche Grund, warum die Migrationsstrategie zählt: Sie ist der Moment, in dem der Lock-in entsteht oder vermieden wird. Wer eine Anwendung unverändert in eine proprietäre Umgebung hebt, hat die Anbieterfrage für die nächsten Jahre beantwortet, ohne sie gestellt zu haben.

Die 6 R’s — was sie leisten und was nicht

Die „6 R’s“ stammen aus dem Cloud Adoption Framework von Amazon Web Services. Das ist keine Nebensächlichkeit, sondern gehört zur Einordnung: Ein Anbieter hat das Ordnungsschema geprägt, nach dem viele Unternehmen ihre Migration planen.

Als Ordnungsschema ist es gut. Die sechs Wege:

Rehost („Lift and Shift“). Die Anwendung zieht unverändert um. Schnell, günstig im Projekt, teuer im Betrieb — weil nichts von dem genutzt wird, wofür Cloud gebaut ist.

Replatform. Umzug mit gezielten Anpassungen, etwa die Datenbank auf einen verwalteten Dienst. Der pragmatische Mittelweg.

Repurchase. Die Eigenentwicklung wird durch ein SaaS-Produkt ersetzt. Der Aufwand verschiebt sich von der Entwicklung zur Prozessanpassung.

Refactor. Die Anwendung wird für die Cloud neu gebaut. Teuer, aber die einzige Option, die alte Architekturschulden tatsächlich tilgt.

Retire. Abschalten. Der Bestand enthält fast immer Anwendungen, die niemand mehr braucht.

Retain. Bleibt vorerst. Aus regulatorischen Gründen, wegen Abhängigkeiten oder weil sich der Aufwand nicht rechnet.

Was die 6 R’s nicht beantworten: wohin migriert wird, wie tief die Bindung an den Zielanbieter ausfällt und wie ein Rückweg aussähe. Das Framework kennt diese Fragen nicht, weil es aus der Perspektive eines Anbieters entstanden ist, für den sie sich nicht stellen.

Deshalb gehört eine siebte Frage dazu — vor die Auswahl unter den sechs Wegen: Wie stark bindet dieser Weg uns an einen Anbieter, und was kostet der Rückweg? Rehost bindet am wenigsten und nutzt am wenigsten. Refactor auf proprietäre Dienste bindet am stärksten. Zwischen beidem liegt die eigentliche Entscheidung.

Planung — was vor der ersten Migration steht

Bestandsaufnahme. Welche Anwendungen gibt es, wer nutzt sie, welche Abhängigkeiten bestehen. Der Retire-Anteil ist hier der schnellste Gewinn, und er ist meist größer als erwartet.

Datenklassifizierung vor Anbieterauswahl. Welche Daten sind personenbezogen, welche geschäftskritisch, welche unterliegen besonderen Anforderungen. Diese Einteilung entscheidet, welche Workloads überhaupt für welchen Anbieter infrage kommen — und sie fällt sinnvollerweise vor der Anbieterwahl, nicht danach.

Anforderungen an den Anbieter schriftlich fixieren. Die Kriterien, die deutsche Unternehmen als unverzichtbar nennen: IT-Sicherheit, Datenschutz und Compliance (95 Prozent), Leistung und Stabilität (91 Prozent), Datenverschlüsselung (89 Prozent), Schutz vor unbefugtem Zugriff durch den Anbieter selbst (87 Prozent). Und, weiter unten, aber inzwischen relevant: das Herkunftsland des Providers (61 Prozent) und der Standort der Rechenzentren (57 Prozent) (Quelle: Bitkom Cloud Report 2026).

Den Rückweg mitplanen. 59 Prozent nennen Lock-in als Haupthindernis (Quelle: Bitkom Cloud Report 2026). Wer bei der Migration festhält, wie ein Ausstieg aussähe — Datenformate, Exportwege, Schnittstellen —, hat später eine Verhandlungsposition. Wer das nicht tut, hat einen Anbieter.

Kosten — das Thema, das nach der Migration kommt

Cloud-Migration wird als Kostenprojekt begonnen und als Kostenthema fortgesetzt. 64 Prozent der Unternehmen erlebten 2025 steigende Cloud-Betriebskosten (19 Prozent stark, 45 Prozent leicht steigend). Für 2026 erwarten 54 Prozent weiter steigende Kosten (14 Prozent stark, 40 Prozent leicht; Quelle: Bitkom Cloud Report 2026).

Das ist der Grund, warum Rehost sich rächt: Eine unveränderte Anwendung in der Cloud verbraucht Ressourcen wie im Rechenzentrum, nur zu Cloud-Preisen und ohne die Elastizität, die den Preis rechtfertigen würde.

Und hier steht die unbequeme Zahl dieses Artikels. 91 Prozent würden deutsche Anbieter bevorzugen. Zu Abstrichen bereit sind deutlich weniger: 37 Prozent würden einen Dienst mit Datenhaltung nur in Deutschland auch bei Nachteilen nutzen (Vorjahr 27 Prozent), 25 Prozent würden längere Wartezeiten auf neue Funktionen akzeptieren (Quelle: Bitkom Cloud Report 2026), und 12 Prozent würden 10 bis 20 Prozent höhere Kosten tragen (2025: 7 Prozent).

Alle diese Werte steigen deutlich. Aber zwischen „wäre mir lieber“ und „zahle ich“ liegt weiterhin ein großer Abstand. Wer souveräne Cloud verkauft, sollte das wissen — und wer sie kauft, sollte den Aufpreis vorher beziffern statt hinterher.

Risiken und wie man sie klein hält

Datenintegrität. Migrationen scheitern selten spektakulär und häufig still: an Zeichensätzen, Datumsformaten, Sonderfällen in Altbeständen. Ein Testlauf mit Produktionsdaten in einer isolierten Umgebung findet das, bevor es der Fachbereich findet.

Ausfallzeiten. Jede Migration hat ein Zeitfenster, in dem etwas nicht funktioniert. Es lohnt sich, dieses Fenster vorher zu benennen und mit dem Fachbereich abzustimmen — statt es zu minimieren und dann zu überschreiten.

Compliance. Innerhalb der EU entfällt die Drittlandsübermittlung nach Kapitel V DSGVO, und damit Standardvertragsklauseln und Transfer Impact Assessment. Ein Auftragsverarbeitungsvertrag nach Art. 28 DSGVO bleibt erforderlich, ebenso die Kontrolle über Unterauftragnehmer. Seit dem 6. Dezember 2025 kommt für viele Unternehmen NIS2 hinzu; die Risikomanagementpflichten erfassen ausdrücklich die Lieferkette, und ein Cloud-Anbieter ist Teil davon. Die Einzelheiten stehen unter Rechtssicherheit im EU-Nearshoring.

Fehlende Fachkräfte. Migration braucht Cloud-Architektur, Netzwerk, Sicherheit und Betrieb gleichzeitig — Experten, die im deutschen Markt schwer zu bekommen sind. 97 Prozent der Unternehmen melden Schwierigkeiten bei der Besetzung von IT-Stellen (Bitkom, September 2026). Die Zahlen dazu stehen im Datenreport IT-Fachkräftemangel.

KI als Treiber — und als neues Bindungsrisiko

KI ist der am schnellsten wachsende Cloud-Anwendungsfall. 42 Prozent der Unternehmen nutzen heute cloudbasierte KI-Dienste, 69 Prozent rechnen damit in fünf Jahren — der größte Zuwachs aller abgefragten Anwendungen. Cloud-Datenbanken liegen bei 58 Prozent heute und 78 Prozent in fünf Jahren (Quelle: Bitkom Cloud Report 2026).

Das verschärft die Anbieterfrage, statt sie zu entspannen. KI-Dienste sind tiefer in die Plattform des Anbieters eingebettet als klassische Infrastruktur; ein Wechsel bedeutet dort nicht, Daten umzuziehen, sondern Anwendungen neu zu bauen.

Wer KI-Workloads plant und zugleich Souveränität will, entscheidet das bei der Migration — nicht danach. Open-Source-Modelle auf deutscher Inferenz sind der Weg, den wir dafür gehen: Sovereign by design, Souveränität als Architektur statt als Vertragsklausel.

Nach der Migration

Kostenmanagement einrichten (FinOps). Angesichts der Kostenentwicklung ist das kein Optimierungsprojekt für später, sondern Teil des Betriebs ab Tag eins.

Rechte und Zugriffe regelmäßig prüfen. Migrationen hinterlassen großzügige Berechtigungen, die niemand mehr zurücknimmt.

Die Retire-Liste abarbeiten. Was bei der Bestandsaufnahme als abschaltbar erkannt wurde, wird im Projekt oft mitgenommen und danach vergessen.

Den Rückweg aktuell halten. Eine Ausstiegsdokumentation, die drei Jahre alt ist, beschreibt eine Architektur, die es nicht mehr gibt.

Fazit

Die Frage, ob in die Cloud migriert wird, ist beantwortet — 86 Prozent sind dort. Die Frage, zu wem, ist offener denn je: 71 Prozent nutzen US-Anbieter, 8 Prozent würden sie bevorzugen, und 85 Prozent halten die Abhängigkeit für zu groß (Quelle: Bitkom Cloud Report 2026).

Die 6 R’s helfen bei der Sortierung des Anwendungsbestands. Sie helfen nicht bei der Entscheidung, die im selben Moment fällt und länger nachwirkt: wie fest man sich bindet. Wer diese Frage bei jeder einzelnen Anwendung mitstellt, hat am Ende der Migration eine Architektur. Wer sie auslässt, hat einen Vertrag.

Ihr nächster Schritt

Wir begleiten mittelständische Unternehmen im DACH-Raum bei Cloud-Strategie und Migration — mit Senior-Steuerung in Deutschland, auf Wunsch souverän auf deutscher Cloud (STACKIT, IONOS). Vertragspartner ist unsere deutsche Gesellschaft mit Sitz in Münster.

Erstgespräch vereinbaren

Schildern Sie uns Ihren Anwendungsbestand, wir sagen Ihnen, wo der Lock-in entstehen würde. Zu Governance, Compliance und souveräner Architektur: Cloud-Governance und Compliance.

Häufige Fragen

Wie viele deutsche Unternehmen nutzen die Cloud?

86 Prozent nutzen bereits Cloud-Dienste, 14 Prozent planen oder diskutieren die Nutzung (Bitkom Cloud Report 2026, repräsentative Befragung von 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten). 64 Prozent nutzen Private Cloud, 53 Prozent Public Cloud, 34 Prozent Hybrid- und 38 Prozent Multi-Cloud-Lösungen; Mehrfachnennungen sind dabei möglich.

Was sind die 6 R's der Cloud-Migration?

Rehost, Replatform, Repurchase, Refactor, Retire und Retain — sechs Wege, eine Anwendung in die Cloud zu bringen oder es zu lassen. Das Schema stammt aus dem Cloud Adoption Framework von Amazon Web Services und ordnet das Wie. Zur Anbieterwahl sagt es nichts.

Welche Migrationsstrategie ist die richtige?

Die Frage stellt sich je Anwendung, nicht je Unternehmen. Entscheidend sind Zustand und Geschäftskritikalität der Anwendung — und die Frage, wie stark der gewählte Weg an einen Anbieter bindet und was ein Rückweg kosten würde.

Warum nutzen so viele Unternehmen US-Anbieter, wenn sie es nicht wollen?

Die Zahlen dazu: 71 Prozent nutzen US-Anbieter, 8 Prozent würden sie bevorzugen. Als Gründe nennen die Unternehmen fehlende gleichwertige europäische Alternativen (43 Prozent) und Lock-in-Effekte als Haupthindernis beim Wechsel (59 Prozent).

Ist eine deutsche Cloud teurer?

Die Befragung misst die Zahlungsbereitschaft, nicht den Preis: 12 Prozent der Unternehmen würden 10 bis 20 Prozent höhere Kosten für eine deutsche Cloud akzeptieren, 2025 waren es 7 Prozent. 37 Prozent würden einen Dienst mit Datenhaltung nur in Deutschland auch bei anderen Nachteilen nutzen. Der konkrete Aufpreis hängt vom Workload ab und gehört vor der Entscheidung beziffert.

Steigen die Cloud-Kosten?

Bei den meisten ja. 64 Prozent erlebten 2025 steigende Betriebskosten, für 2026 erwarten 54 Prozent weitere Steigerungen. Reine Lift-and-Shift-Migrationen sind ein häufiger Grund: Die Anwendung verbraucht wie zuvor, nur zu Cloud-Preisen.

Was ist beim Datenschutz zu beachten?

Innerhalb der EU entfällt die Drittlandsübermittlung nach Kapitel V DSGVO. Erforderlich bleiben ein Auftragsverarbeitungsvertrag nach Art. 28 DSGVO, technische und organisatorische Maßnahmen und die Kontrolle über Unterauftragnehmer — ein Unterauftragnehmer außerhalb der EU bringt die Drittlandsfrage zurück. Seit dem 6. Dezember 2025 kommt NIS2 hinzu, dessen Risikomanagementpflichten die Lieferkette erfassen.

Thematische Vertiefungen

Quellen